Ist der Tanktourismus ein Übel?

Abgeordnete des Bundestages haben vorgeschlagen, in deutschen Grenzregionen die Steuern auf Kraftstoffe zu reduzieren, um den Tanktourismus einzudämmen. Obwohl es in Italien an der Grenze zu Slowenien bereits eine ähnliche Regelung gibt, ist dieser Vorschlag bisher am Widerstand der EU-Kommission und am Desinteresse deutscher Minister gescheitert.

Škoda kaputt

Scheinbar sind sich in Deutschland fast alle Politiker einig, dass Tanktourismus ein Übel sei, welches beseitigt werden müsste. Ich bin jedoch anderer Meinung: Wenn Deutsche nach Polen oder Tschechien fahren und dort Kraftstoff und andere Waren kaufen, so ist das immerhin auch eine Art, mit den Nachbarnländern in Kontakt zu kommen, was ja im Sinne der europäischen Einigung durchaus erwünscht ist.

Freilich entgehen deutschen Geschäftsleuten dadurch erstmal Einnahmen und dem deutschen Staat Steuern, aber andererseits kommen ja Polen und Tschechen auch zu uns und kaufen kaufen bei uns ein, was es hier besser oder billiger gibt. Man schaue sich nur einmal in Zittau auf den Parkplätzen von TOOM oder Kaufland um, wie viele Tschechen dort parken. So bringen sie uns die Euros, die wir an ihren Tankstellen gelassen haben, zurück.

Und sollten sie dabei unterm Strich im Bruttosozialprodukt ein wenig Plus und Deutschland ein wenig Minus machen – gönnen wir es ihnen doch! Denn Nordböhmen und das polnische Niederschlesien sind wirtschaftlich auch ziemlich schwach, ähnlich wie unsere Oberlausitz. Auch dort ist die Arbeitslosigkeit hoch und das Lohnniveau viel niedriger als bei uns. Wenn wir bei ihnen einkaufen, fördern wir ihre Entwicklung, die sie mindestens so nötig haben wie wir. Und wenn sie dadurch wirtschaftlich ein wenig aufholen, werden sie für uns wiederum als Kunden interessanter. Langfristig trägt der Tank- und Einkaufstourismus dazu bei, dass das Lohn- und Preisniveau unserer Länder sich angleicht.

So ein wechselseitiger Tank- und Einkaufstourismus ist mir viel lieber als engherzige Versuche, die Kaufkraft im eigenen Land zu halten. Denn wo soll das schließlich hinführen? Sollen etwa Deutsche nur bei Deutschen kaufen und Polen nur bei Polen? Es ist doch besser, wenn wir wechselseitig günstige Angebote im Nachbarland nutzen; so hat unsereiner als kleiner Verbraucher mal die Chance, direkt von der Globalisierung zu profitieren. In unserer abgelegenen Grenzregion sind wir wirtschaftlich ohnehin in fast jeder Hinsicht benachteiligt. Einer der wenigen Vorteile, die wir haben, ist, dass wir in den nahe gelegenen Nachbarländern günstig einkaufen können. Da wäre es doch schade, wenn wir diesen seltenen Vorteil nicht nutzen würden.

Aber ganz abgesehen von ökonomischen Erwägungen ist Tanktourismus meines Erachtens auch ein perfekter „Türöffner“ für internationale Begegnungen und Beziehungen. Etliche Deutsche würden doch niemals nach Polen fahren und sich mit ihrem Nachbarland überhaupt nicht befassen, wenn es dort nicht billigen Sprit und billige Zigaretten gäbe. Es ist zwar im Sinne der Völkerverständigung noch nicht viel gewonnen, wenn wir nur dem polnischen Tankwart und dem Kassierer in der Kaufhalle begegnen, aber dennoch sind solche Konsum-Kontakte ein guter Anfang, aus dem sich allmählich bessere Beziehungen zum Nachbarland entwickeln können.


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