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Ausreden

Christen sind um Ausreden nicht verlegen, wenn sie Gottes Glaubwürdigkeit gegen Kritik verteidigen müssen, weil er biblische Verheißungen offensichtlich nicht eingehalten hat; weil er z. B. Gebete nicht erhört, nicht beschützt, kein Gelingen geschenkt oder nicht geheilt hat. Für all das findet sich nachträglich immer ein guter Grund, z.B:

a)      Du hast nicht genug geglaubt, hast Gott nicht zu 100% vertraut, hast in deinem Herzen gezweifelt. Darum konnte er für dich nichts tun.

b)      Du hast nicht genug gebetet.

c)      Du hast nicht richtig gebetet.

d)      Da ist noch Sünde in deinem Leben, darum konnte Gott an dir nicht wirken.

e)      Du hast dieses und jene Gebot oder biblische Prinzip nicht eingehalten.

f)        Du hast dein Leben noch nicht wirklich zu 100% Jesus ausgeliefert.

g)      Du bist zwar im Großen und Ganzen Gott treu, aber hier und da hast du eigenmächtige Entscheidungen getroffen, die nicht nach Gottes Willen waren. Darum haben sich die Dinge jetzt so ungünstig entwickelt. Hättest du besser auf Gottes Stimme gehört, dann wäre dir dieses Unglück erspart geblieben.

h)      Finstere Mächte, Dämonen oder Satan hatten ihre Finger im Spiel, darum konnte Gott mit seinem Wirken nicht durchdringen.

i)        Du bist zu ungeduldig. Gott will deinen Glauben prüfen und dich Geduld lehren. Bleib standhaft und treu und zweifle nicht, dann wird er bald alles zum Guten wenden.

j)        Gott sieht dich und liebt dich und hat einen guten Weg für dich vorbereitet, auch wenn du das jetzt noch nicht so sehen kannst. Vertraue ihm einfach und überlass es Ihm.

k)      Gott ist treu, aber die Erwartungen, die du an ihn gerichtet hast, waren falsch. Selbst wenn es Bibelstellen gibt, die scheinbar deine Erwartung stützen, so hast du diese Bibelstellen falsch verstanden.

l)        Menschen haben dich zu einer Irrlehre verführt, dir ein falsches Gottesbild vermittelt und falsche Erwartungen in dir geweckt. Vertraue lieber uns; in unserer Gruppe wird das wahre Evangelium gelehrt! Bei uns wirst du nicht enttäuscht.

Jeder einzelne dieser Gründe mag im Einzelfall manchmal zutreffen; insgesamt jedoch hat sich in mir der Verdacht erhärtet, dass alle diese Erklärungen nur von der schlichten Tatsache ablenken, dass Gottes Verheißungen sich IN ALLER REGEL nicht erfüllen! Denn sowohl bei mir selbst als auch bei anderen Christen habe ich erlebt, dass sie sich IN ALLER REGEL nicht erfüllen (Ausnahmen bestätigen die Regel). Darum nenne ich diese Erklärungen "Ausreden", denn wenn man als gewissenhafter Christ versucht, all diese "Hindernisse" aus dem Weg zu räumen, die angeblich dem Wirken Gottes entgegenstehen, so ist man damit unendlich beschäftigt und kommt nie zu Ende. Man kommt also praktisch nie in den Genuss der verheißenen Fülle. Es gibt vermutlich auf der ganzen Welt keinen einzigen Christen, der alle Hindernisse ausgeräumt hat und in der verheißenen göttlichen Fülle, im Sieg und Überfluss lebt. Alle sind angeblich "noch auf dem Weg" oder stehen "kurz vor dem Durchbruch". Aber wirklich geschafft hat's noch keiner; es geht nicht.

Im übrigen haben die Verteidiger Gottes ja noch folgende "Joker" im Ärmel, die insofern unschlagbar sind, als dass sie erst gar keinen Lösungsweg, gar keine Verbesserungsmöglichkeit andeuten, sondern dem Suchenden nahelegen, sich mit dem status quo zu arrangieren:

m)    Wir sind noch nicht im Himmel. Hier in dieser gottlosen Welt gelten Gottes Verheißungen nur eingeschränkt. Erst nach dem Tod werden wir die Fülle des Heils genießen.

n)      Gott erhört unsere Gebete manchmal anders als wir es erwarten (das heißt, er tut etwas anderes anstelle dessen, worum wir ihn gebeten haben). Er weiß am besten, was gut für uns ist.

o)      Gottes Wege sind höher als unsere Wege, und seine Gedanken sind höher als unsere Gedanken. Du kannst Gott nicht vorschreiben, was er zu tun hat. Wir können sein Wirken manchmal nicht begreifen. Wir können es nur staunend, anbetend und dankbar aus seiner Hand annehmen, auch wenn’s schwer fällt.

p)      Gott löst unsere Probleme manchmal nicht, aber er hilft uns, sie geduldig anzunehmen und zu tragen. Gerade in solchen Momenten ist er uns besonders nahe.

q)      Wie kannst du es wagen, Gott zu kritisieren? Das ist frech, undankbar und vermessen! Gott ist vollkommen und gerecht; er muss sich für sein Handeln nicht rechtfertigen. Du aber bist durch und durch sündig und verdorben; du solltest froh und dankbar sein, dass er dich überhaupt aus Gnade angenommen hat!

 

Es scheint so, als ob dieses ganze christliche Glaubenssystem gar nicht darauf angelegt ist, zu funktionieren, sondern immer wieder plausibel klingende Erklärungen für sein Nichtfunktionieren zu liefern. In der Evangelisation wird jedoch ungebrochen der Eindruck vermittelt, Gott würde regelmäßig Gebete erhören, helfen, heilen, befreien, retten, Gelingen schenken – obwohl dies in Ernstfällen eher die Ausnahme als die Regel ist. Das finde ich schon ein wenig unseriös.

 

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